Geistliches Wort

Liebe Mitchristen!

Wir leben heute in einer Zeit, in der sich nicht wenige Menschen Sorgen um die Kirche machen. Kirche ist im Umbruch. Das stellt kaum einer mehr in Frage, weil es anhand der Fakten nicht zu leugnen ist. Ein Blick in die Statistik der Kirchenmitgliedschaftsentwicklungen reicht aus. In spätestens 30 Jahren wird weniger als die Hälfte der Deutschen einer Kirche angehören. Zu der Frage, woran es denn liegt, dass Kirche für viele Menschen so wie sie ist, nicht mehr funktioniert, antworten viele: Die Gesellschaft habe sich verändert und deshalb könne Kirche nicht so weitermachen wie bisher. Und weiter betonen sie, dass das Produkt gut sei. Die Frohe Botschaft dürfe und könne auf keinen Fall verändert werden. Sehr wohl aber die Verpackung.
Es ist daher notwendig geworden, über die Neuausrichtung unserer Kirche und eine entsprechende Verteilung der Ressourcen nachzudenken, weil wir bereits inmitten eines Wandels der Glaubenspraxis und damit mitten in einem Transformationsprozess der Sozialgestalt der Kirche stehen. Die Augen vor der sich verändernden Situation zu verschließen und zu erwarten, alles müsse bleiben wie früher, verkennt die Realität, die doch in unseren Pfarreien bereits deutlich ablesbar ist. Es wird schwieriger, die Gotteshäuser zu unterhalten. In unserer differenziert gewordenen Gesellschaft gestaltet es sich zunehmend mühseliger, Gläubige für ein ehrenamtliches Engagement zu motivieren. Hinzu kommt eine innere und äußere Distanz nicht weniger Christen zum pfarrlichen Leben und zu einer den Alltag prägenden Beziehung mit dem Glauben.
In diesem Zusammenhang möchte ich den Bischof von Mainz, Peter Kohlgraf, hier zu Wort kommen lassen. In Rahmen einer Fastenansprache zum Thema „Braucht die Welt noch eine Kirche? – Kirche als Volk Gottes“ sagte er: „Ja, ich glaube, dass die Welt die Kirche braucht. Nicht als societas perfecta, als perfekte Gesellschaft, unberührt von den Fragen und Themen der Zeit, sondern berührt von den Menschen und ihrer Welt, und wie der Papst sagt, manchmal auch verbeult und schmutzig. So hält die Kirche Gottes Gegenwart lebendig. Es wird sich zeigen, ob wir diese Wege auch dann gehen, wenn unsere Gewohnheiten und Sicherheiten hinterfragt werden und manches wegbricht, was jetzt noch selbstverständlich zu sein scheint. Wir sollten neu die Freude entdecken, geliebt und berufen zu sein. Dazu ist Kirche da.“
Daher lohnt sich das Nachdenken und das Ringen um das, was Kirche ist – und darum was Kirche in Zukunft sein kann. Ich vermute dabei, dass wir in Zukunft Kirche viel weniger in organisatorischen Begriffen oder in theologischen Bildern denken werden, sondern als Ereignis. Kirche ist nicht. Kirche ereignet sich stets neu in immer neuen Zusammenhängen. Wo zwei oder drei in Jesu Namen zusammen sind, ist er, der Herr der Kirche, unter ihnen. Viel mehr braucht es vielleicht nicht, um Kirche zu denken als dieses Zusammensein von Menschen in Jesu Namen. Dies kann an verschiedensten Orten, mit oder ohne Gebäude, kulturell unterschiedlich geprägt, in jedem Milieu anders gestaltet sein. In Zukunft werden wir Kirche viel „transparenter“, beweglicher denken müssen. Kirche wird viele Formen und Gestalten haben können, sofern Christus in ihnen das Zentrum ist. Das ist die Chance des Umbruchprozesses von Kirche: Dass wir ganz neu entdecken, wie Kirche auch noch sein kann. Viel überraschender als wir heute denken.


Seien Sie Gott befohlen.

 

Ihr Pastor Michael Jakob