Geistliches Wort

Sonne

 

Zu den einflussreichsten Mystikern des Mittelalters gehört der Dominikaner Meister Eckhart. Seine Bedeutung für unsere Zeit ist immens. Da wäre zum Beispiel dieser denkwürdige Satz von ihm:
„Gott ist ein Gott der Gegenwart.
Wie er dich findet, so nimmt und empfängt er dich, nicht als das, was du gewesen,
sondern als das, was du jetzt bist.“
Wer in die Tiefe dieser Gedanken hinabtaucht, kann sein eigenes Leben in einem ganz neuen Licht betrachten. Eine große Last nimmt uns Meister Eckhart ab, denn er befreit uns von allem Ballast, das uns niederdrückt.
Wenn Gott ein Gott der Gegenwart ist, wirkt er auf uns ein als einer, der immer da ist und mitten in unserem Leben steht. Er ist der gleiche Gott, den Moses auf dem Gottesberg im brennenden Dornbusch erlebte und der seinen Namen sagte: „Ich bin, der ich bin da.“ Das ist der Gott der Gegenwart. Das bedeutet nicht, dass es mit Gott keine Vergangenheit und keine Zukunft gibt. Es besagt vielmehr, dass die ewige Präsenz Gottes als ein permanentes Gegenüber in unserem Leben verstanden werden will. Er ist immer schon da, ganz gleich, wo wir uns hinwenden. Er will von uns gefunden werden.
Gott nimmt uns an so wie wir sind. Wir brauchen uns nicht zu verstellen oder sorgenvoll auf die Vergangenheit zu schauen. Gott wirkt in die Gegenwart hinein. Als geschöpfliche Wesen sind wir nie frei von Irrtümern, Fehlern, egoistischen Verhaltensweisen und Neigungen. Wir sind begrenzt, wie auch unser Leben Grenzen hat. Doch der unverbrauchte, stets immergleiche Gott des Lebens empfängt uns dort, wo wir immer zu finden sind: im Hier und Heute.
Das Gestern ist insoweit zu Ende und in sich abgeschlossen, als die Vergangenheit erkaltet ist wie heiße Lava-Asche. Wir können die Erinnerungen an das Vergangene zwar immer wieder abrufen, jedoch ändern wir nichts mehr am Vergangenen. Wir sind gerufen ins Heute.
Die Zukunft indes ist noch keine Gegenwart, denn wie es schon in dem Wort angedeutet ist, warten wir noch auf die Zukunft, die sich aber selbst immer nur im konkret Präsenten zeitigt.
Jesus hat es so ausgedrückt: „Sucht zuerst sein Reich und seine Gerechtigkeit; dann wird euch alles andere dazugegeben. Sorgt euch also nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Jeder Tag hat genug an seiner eigenen Plage.“ (Mt 6. 33-34)
So nützt es auch nichts Sorgen auf Vorschuss zu nehmen. Jeder kann sich die Zukunft ausmalen wie er will. Doch unser Wille bestimmt noch nicht die zur Gegenwart werdende Zukunft.
Aufgerufen sind wir auch hier um ein Leben in der Gegenwart. Die Gestaltung von Vergangenem ist unmöglich und die der Zukunft noch unverfügbar.
In der Gegenwart Gottes leben bedeutet: Bedingungslos im Hier und Jetzt sich Gott hinhalten, so wie wir wirklich sind. Und Gott nimmt uns so an wie wir sind. Meister Eckhart schreibt das ja explizit: Vor Gott sein „als das, was du jetzt bist“. Vielleicht ein Macher oder Träumer, ein Hilfesuchender oder ein Helfer, ein Liebender oder Hassender – in jedem Falle ein Mensch, der schnörkellos sich Gott hinhält.
Vielleicht können wir dann rufen: Hier bin ich, Herr! Mach mit mir, was du willst! Bei dir will ich geborgen sein. Das bedeutet, sich Gott bedingungslos zur Verfügung stellen.
Sternenstaub sind wir und kehren als Staub wieder zurück. Doch zwischen Geburt und Tod liegt das Leben. Unser Leben. Unser Leben ist das große  Anliegen Gottes. Und in diesem gegenwärtigen Leben stehen wir ihm gegenüber. „Er ist doch kein Gott der Toten, sondern von Lebenden.“ (Lk 20,38)
Und so streckt er seine Arme nach uns aus, denn er will uns zu sich ziehen. Er hält uns in seiner Hand geborgen von Tag zu Tag, bis sich unsere Lebensspur einst verliert in seiner Ewigkeit.
Behalten wir das Gegenwärtige, das wir Leben nennen, und formen es. Geben wir unserem Leben die Kraft von Gottes Atem und lassen uns durchdringen von seinem Heiligen Geist.

Ihnen allen noch viele schöne Sommertage!

Ihr

Dr. Harald Müller-Baußmann, diac.

 

 

Bild: Pfarrbriefservice " Lichtspiel am Abendhimmel" Martin Manigatterer