Geistliches Wort

Von dem Dichter Gotthold Ephraim Lessing ist folgende kleine Geschichte überliefert:
Eine alte Kirche, die den Spatzen unzählige Nester gab, wurde eines Tages saniert. Als sie nun in ihrem neuen Glanz dastand, kamen die Spatzen wieder, ihre alten Wohnungen zu suchen. Aber sie fanden sie alle vermauert. „Zu was“, schrien sie, „taugt denn nun das große Gebäude? Kommt, verlasst den unbrauchbaren Stein-haufen!“
Für die Spatzen hatte die Kirche keine spirituelle Bedeutung; es war ihnen gleich-gültig, ob darin Gottesdienste gefeiert, gebetet und gesungen, ob Kinder getauft oder Ehen geschlossen wurden. Das Gebäude war für sie der Ort, an dem sie sichere Nester bauen und ihre Brut aufziehen konnten.
Wie aber sieht das bei uns Christen aus? Was wäre, wenn die Türen zur Kirche eines Tages zugemauert würden und wir keinen Zugang mehr fänden? Das Gotteshaus ist für uns doch der Ort, an dem wir Gott begegnen können, ihn in gemeinsamen Feiern loben, preisen, danken, aber auch um ihm unsere Not zu klagen und verstorbene Menschen zu betrauern.
Das Kirchengebäude ist der Platz für heilige Versammlungen und Begegnungen. Die Kirche hat eine tiefe spirituelle Bedeutung. Und das wird auch so bleiben, solange es Kirchen gibt.
Die Voraussetzung dafür aber ist, ob die Gläubigen noch den Weg zur Kirche finden. Zurzeit liegt der Besuch von Katholiken in unseren Gotteshäusern bei unter zehn Prozent, bei den Protestanten sind es noch weniger. Es gibt viele Meinungen dazu, viele Lösungsansätze, viele Debatten um einen notwendigen Strukturwandel und noch mehr schlaue Diskussionsvorlagen und Papiere zu denkbaren Umsetzungen. Gut und schön. Man kann natürlich über alles debattieren.
Aber nichts geht von alldem, wenn die Gläubigen nicht mitziehen, wenn sie sich abgehängt fühlen, wenn sie befürchten, eines Tages könnten die Gotteshäuser tatsächlich überflüssig werden, weil fast niemand mehr dort hingeht.
Wir brauchen ein Nachdenken darüber, was wir von der Kirche erwarten. Gefragt sind wir – wir Gläubigen. Es reicht nicht, mit den Fingern auf die zu zeigen, die der Kirche fern bleiben, es nützt auch kein Achselzucken, wenn Menschen unsere katholische Kirche verlassen, es nützt kein lamentieren, kein Schmollen und erst kein Sich-zurück-Ziehen ins Private.
Wir alle sind Kirche und tragen alle Verantwortung für die Kirche.
Gestalten wir doch Kirche selbst, setzen wir uns zusammen mit Gleichgesinnten und überlegen, wozu die Kirche für uns da ist, was wir verändern, was wir beibehalten sollen! Wir brauchen kein Zuwarten darauf, dass Hauptamtliche das schon richten werden. Wir alle sind das pilgernde Volk Gottes durch die Zeit.
Es wird gesagt, die Kirche ließe sich immer mehr vom Zeitgeist leiten. Richtiger-weise hat der Konzilspapst Johannes XXIII. das Wort vom „Verheutigen“ des Glaubens gefordert. Das heißt aber kein Anpassen an den Zeitgeschmack, sondern den Glauben im Lichte unserer Gegenwart betrachten. Wir dürfen das Heute nicht ausblenden. Menschen von heute haben andere Vorstellungen vom Leben und von moralischen Vorgaben. Oft wird der Dienst der Kirche zur Ausschmückung von Lebenswenden betrachtet wie Taufe, Kommunion oder Beisetzung von Verstorbenen.
Kirche ist mehr als eine Verwaltungsstelle des Glaubens, ist mehr als eine religiöse Institution, in der viele Menschen beschäftigt sind. Kirche und Glauben gehören zusammen. Das Eine ist ohne das Andere nicht möglich, auch wenn es viele gerne anders sehen möchten. Ein Spaziergang durch Gottes Flur ist sicherlich gesund, belebend und einfach schön. Aber das ist kein Ersatz für die Teilnahme am gemeinsamen Osterzeugnis mit der Botschaft Gottes, die wir immer wieder hören.
Der Gottesdienst ist eine heilige Handlung, die auch uns heiligen soll.
Näher zu Gott rücken, heißt aber auch: Selbst initiativ werden. Den Glauben per-sönlich annehmen. Das heißt: Einüben, die Bibel regelmäßig zu lesen, sich mit Katechismus auseinandersetzen. Den Kindern und Kindeskindern als Vorbild vo-rangehen: Gemeinsam beten – vor dem zu Bett gehen und vor dem Essen. Sich Zeit nehmen für Gedanken des eigenen Lebens und sich einfühlen in den Zu-sammenhang von Leben und Glauben.
Wer hier erste Schritte gehen möchte, ist herzlich eingeladen am Bibel- und Glaubenskreis der Pfarreiengemeinschaft teilzunehmen. Das erste Treffen ist am
Donnerstag, 13. Juni, um 19 Uhr im Pfarrheim.

Ihnen allen eine gute Zeit!
Ihr

Dr. Harald Müller-Baußmann, Diakon