Geistliches Wort

Sir Francis Bacon, englischer Philosoph, Essayist und Staatsmann prägte den Satz: „Wer nach Rache strebt, hält seine eigenen Wunden offen.“ 
Aber Wunden gehören zu unserem Leben. Keiner geht unverwundet durchs Leben, auch wenn das immer noch der unausrottbare Traum der Menschheit ist.
Wunden: von den täglichen Kratzern bis hin zu den schweren Wunden, die tiefer gehen, die nur langsam ausheilen oder gar nicht mehr, weil man sich wundliegt. Wie viele Verwundete sehen wir alltäglich durch die Nachrichten - lebensgefährlich, unrettbar Verwundete, tödlich Ausblutende. Und dann sind da noch die seelischen Wunden. Die Wunden ungerechter Behandlung, die Wunde, verlassen worden zu sein; die Wunde, gescheitert zu sein und vieles mehr.
Dies alles sind Wunden, die nach Heilung rufen. Denn was kaputt gegangen ist, schreit nach Ausgleich. Und wie oft wird Verletzung mit Verletzung ausgeglichen, erlittener Schmerz mit heimgezahltem Schmerz. Dem Gerechtigkeitsempfinden tut das vielleicht gut, aber die selbst erlittene Verletzung schwindet dadurch nicht. Übrigens auch nicht, wenn man zeitversetzt Vergeltung übt und Schuld nachgetragen wird. Denn wer andern etwas nachträgt, dem wird irgendwann selbst der Buckel krumm – der ist selbst alles andere als frei. Wir laden Sie daher ein, Ihre eigenen Leiderfahrungen und die unserer Zeitgenossen anzuschauen: 
Von Nelly Sachs stammt ein Gedicht, in dem es heißt:
Die Auferstehungen deiner unsichtbaren Frühlinge
sind in Tränen gebadet.
Der Himmel übt an dir Zerbrechen.
Du bist in der Gnade.
Und wie schnell kommt dann die Frage in einem hoch:  
Wo ist der, der die Tränen abwischt und tröstet? Wo ist der Heiland, der uns vor dem Zerbrechen bewahrt?
Der verstorbene Bischof von Aachen, Klaus Hemmerle, hat einmal in einem Oster-gruß allen Christen „Osteraugen“ gewünscht. Dabei bezog er sich auf einen Brauch aus der Gegend von Piemont. Wenn am Morgen des Ostersonntags zum ersten Mal die Glocken läuten, laufen Kinder und Erwachsene an den Dorfbrunnen und waschen sich die Augen mit dem kühlen, klaren Brunnenwasser. Manche wissen wahrscheinlich gar nicht mehr warum sie zum Brunnen laufen. Ursprünglich war es eine Art Gebet: man wollte Osteraugen haben, die klarer sehen, was an Ostern geschehen ist. Immer wieder hören wir in den Evangelien, dass die Menschen den Auferstandenen nicht erkannten, dass ihre Augen wie mit Blindheit geschlagen waren. Es scheint, dass wir wirklich „Osteraugen“ brauchen, ein Sehen, das uns geschenkt wird. Denn die tröstliche Botschaft lautet: Jesus, der Gekreuzigte, ist selbst verwundet und verletzt worden. Er weiß, was das bedeutet. Er fühlt mit. Er geht mit. Er trägt mit. Und mehr noch: Jesus, der Auferstandene, wird an den Wundmalen erkannt.
Der Auferstehungsgottesdienst will Ihnen genau dieses österliche Sehen schenken und uns alle neu in die Pflicht nehmen. Denn österliche Menschen lassen das Leid nicht einfach zu:
Dort wo Schuld ist, suchen sie zu vergeben. 
Dort wo Trennung herrscht, bemühen sie sich um Einheit.
Dort wo Wunden schmerzen, wollen sie heilen.
Österliche Menschen nehmen wahr, wo andere zu zerbrechen drohen. Wir alle brauchen daher „Osteraugen“, um zu sehen und zu handeln.
Liebe Christen! Was wir möchten und was wir von ganzem Herzen erhoffen, ist, dass Sie bei sich denken und es vielleicht auch andern mitteilen: Was an Ostern gesagt wird, das ist wahr. Das ist die Wahrheit. Und das glaube ich! Denn zualler-erst geht es hier um ein Bekenntnis, das den Glauben wecken und stärken soll: Jesus lebt!

Ein frohmachendes und gesegnetes Osterfest wünschen Ihnen

Michael Jakob, Pfarrer             Dr. Harald Müller-Baußmann, Diakon

 


                  Gerlinde Paulus-Linn, Gem.-ref