Geistliches Wort

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Als ich neulich mit der Bahn fuhr, betraten ein junger Mann und eine junge Frau das Zugabteil; trotz der brütenden Hitze zog der Mann weder seine Jacke aus, noch lockerte er seine Krawatte. Die junge Frau behielt ebenfalls ihre Jacke an. Es stellte sich heraus, dass beide im Bankgeschäft tätig waren. Während die Frau stumm neben ihm saß, redete er wie ein Wasserfall. Drei Stationen später stieg die Frau aus dem Zug.
Der Mann, der pausenlos mit seinem Laptop beschäftigt war, rief ihr nach: „Ihre Präsentation bei unserem Workshop heute ist zwar voll daneben gegangen. Trotzdem noch einen schönen Feierabend!“
Hätte der Mann die Frau richtig angeschaut, statt seine ganze Aufmerksamkeit seinem Laptop zu schenken, hätte er merken müssen, dass es der Frau nicht gut ging, dass sie kreidebleich neben ihm saß und ihr ein paar Tränen die Wangen hinunterkullerten. Das hat ihn offensichtlich nicht  interessiert.
Von dem französischen Philosophen Emanuel Lévinas stammen folgende Sätze:
„Meine Verantwortung ergibt sich aus dem Angesicht des anderen Menschen. Ich muss ihn anschauen.“
Wie viel Leid würde Menschen erspart bleiben, wenn wir alle uns diese Aussage ein wenig zu Herzen nähmen. Aufmerksamkeit, Feinfühligkeit, Rücksichtnahme, Zuwendung. Diese Worte weisen in die richtige Richtung. Zunächst einmal: Ich bin nicht allein auf dieser Welt. Der Mensch, der mir gerade begegnet oder mit dem ich im Gespräch bin, verdient es, auch als Mensch wahrgenommen zu werden. Dafür muss man ihn aber auch anschauen. Es ist von Vorteil, sich nicht immer als Mittelpunkt jeder Konversation zu betrachten. Wir alle kennen ständig monologisierende Menschen, die Andere und die Umwelt kaum wahrnehmen.
Menschen in den Blick zu nehmen ist eine Haltung, die wir schätzen, wenn es uns selbst betrifft. Wir sollten uns immer wieder vor Augen halten, Mitmenschen als ein Gegenüber aus Fleisch und Blut mit  ihren Freuden und Ängsten wahrzunehmen und darauf zu reagieren. Für Christen ist das sogar oberstes Gebot, es bedeutet eine Hochschätzung des Anderen.
Das Gebot  Liebe deinen Nächsten wie dich selbst ist im Grunde allgemein geltend, und erst recht gilt es, wenn man für sich reklamiert ein gläubiger Mensch zu sein. Man muss dafür nicht unter die Räuber fallen und auch nicht ständig mit einem Erste-Hilfe-Koffer ausgerüstet unterwegs sein.
Vor dem christlichen Handeln muss das christliche Gebot im Innern des Menschen eingepflanzt sein. Gerade dieses Gebot wartet auf seine praktische Anwendung. 
Es genügt, wirklich für jemanden da zu sein, wenn man gebraucht wird.
Der Mensch ist von Gott geschaffen, um am Gegenüber erst zum wahren Menschen zu reifen. Das heißt: Der Andere ist notwendig, um selbst Mensch zu werden und als solcher auch zu handeln. Die Welt besteht nicht nur aus Dingen wie Steine oder einem Laptop. Die Welt und das Leben zeigen sich vielmehr durch die Anwesenheit und Wahrnehmung des Anderen.
Im ersten Buch der Bibel kann man nachlesen, dass Gott dem Menschen mit Adam als Bild des Urmenschen eine Hilfe, also ein Gegenüber, beiseite gestellt hat. Zum einen, um nicht alleine zu sein und für den Anderen Verantwortung zu übernehmen. Und zum anderen, weil der Mensch erst durch den anderen Menschen sich selbst erkennen kann. Im ihnen erkennt der Schauende immer auch Gottes Antlitz.
Der jüdische Gelehrte Martin Buber schreibt, dass der Mensch erst durch das Du zum Ich wird.
Zur wahren Menschwerdung brauchen wir den Anderen. Denn ein Mensch ohne Beziehung kann kein Mensch sein; er ist überhaupt nicht lebensfähig. Der Mensch will angeschaut werden, weil er gesehen werden will.
Der junge Mann im Zug mag noch so viel Zeit mit seinem Laptop verbringen. Dieses Gerät kann nie ein Gegenüber werden, weil es den Menschen nicht anschauen kann. Weil es ein Ding ist und von den seelischen Schwingungen eines Menschenwesens nichts weiß.
Menschen anzuschauen muss übrigens nicht immer ein bestimmtes Ziel verfolgen. Das Anschauen kann ganz und gar zweckfrei sein.
So kann sich  jemand kaum dem Anblick eines Babys entziehen, das die Welt mit seinen großen Augen anschaut und mit seinen Sinnen ertasten und schmecken will.
Und wir schauen das Kind an, einfach so, weil wir Freude empfinden, weil wir uns durch das kleine Wesen verzaubern lassen – ganz ohne Worte. Hinschauen genügt schon.

Ihnen eine gesegnete Zeit!

Dr. Harald Müller-Baußmann, diac.