Geistliches Wort

Liebe Pfarrangehörige,
in dieser Jahreszeit, wir könnten auch sagen, zum Sterben in der Natur gesellen sich Tage wie Allerseelen, Totensonntag und Volkstrauertag. Die Pflege der Gräber, die Feier der Messe, das gemeinsame Denken an die Verstorbe-nen – um all das geht es in diesen Tagen und Wochen um Allerheiligen, in all dem geht es aber auch um uns: und zwar um die, die zurückgeblieben sind, um die Ange-hörigen, mit denen wir uns verbunden wissen, um die Trauernden, die wir in unse-rer Gemeinschaft tragen wollen, denen wir zeigen möchten, dass niemand von uns alleine dasteht. 
Stellen Sie sich vor, Sie hätten kein Grab an das Sie in den kommenden Wochen gehen könnten. Stellen Sie sich vor, Sie wüssten nicht einmal genau, wo Menschen, die Sie im Leben geschätzt und geliebt haben, ihre letzte Ruhestätte gefunden ha-ben. Für mich persönlich wäre das schwierig. Zwar habe ich an Allerheiligen und Allerseelen meist nicht die Möglichkeit, die Gräber meiner Familie zu besuchen, aber so oft ich in die Heimat komme und auch nur ein bisschen Zeit habe, zieht es mich auf den Friedhof. Ich gehe an die Gräber meiner Eltern, ich bleibe immer eine Zeitlang am Grab meines Heimatpfarrers stehen, der mich sehr geprägt hat, ich sehe aber immer wieder auch frische Gräber, lese neue Namen von Menschen, die ich vielleicht noch aus Kindertagen selber gekannt habe. So sind mir gerade auch aus der Entfernung zur Heimat die Friedhöfe mit ihren Gräbern sehr wichtig gewor-den.
Und doch gibt es eine wachsende Zahl von Menschen, die kein Grabmal mehr möchten. Umfragen bestätigen einen steigenden Trend zur anonymen Bestattung. Irgendwo auf einer Wiese wird dann eine Urne namenlos beigesetzt. Menschen, die sich dafür entscheiden, tun das durchaus bewusst. Oft höre ich da, man wolle den Kindern oder Angehörigen die Grabpflege nicht zumuten oder es ist schlicht-weg niemand mehr in der Nähe, der sich um ein Grab kümmern würde. Das sind verständliche und durchaus lobenswerte Überlegungen.
Ich erinnere mich aber auch vor vielen Jahren an die Trauerfeier einer Mutter, die an Krebs gestorben war. Die beiden Kinder waren zwischen 15 und 20 und mussten mit dem Vater die Feier vorbereiten. Die Eltern hatten sich schon vor längerem zu so einer anonymen Bestattung entschlossen, um den Kindern keine Arbeit zu ma-chen. Der Trauergottesdienst fand in gewohnter Weise statt, nur am Ende hatte man keinen Ort, an dem die Trauer einen guten Platz finden konnte. Wir haben damals in der Kirche ein großes Bild der Verstorbenen aufgestellt und davor haben die Menschen dann Blumen und Kerzen niedergelegt. Doch das Bild wurde bald wieder aus der Kirche weggeräumt. Ein Ort der Trauer, ein Ort wo man der Mutter weiter nahe sein, vielleicht sogar mit ihr in ein stilles Zwiegespräch kommen sollte, fehlte aber vor allem den Kindern.
Gerade deshalb sind mir unsere Friedhöfe mit ihren Gräbern so wichtig. Sie sind in der ersten Phase eines Verlustes wichtige Orte der Trauer. Wenn ich an einem Grab stehe und weine, muss ich mich nicht schämen. Ich muss niemandem erklären, wie mir zumute ist, denn dieser Ort erlaubt es mir, meine Trauer auszudrücken, meinen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Das Grab gibt mir die Freiheit, mir meine Trauer anmerken zu lassen. Im vermeintlich normalen Leben, vor allem in der Arbeitswelt, darf das ja oft schon gar nicht mehr sein.
So gesehen werden Gräber zu Orten des Lebens, ja, zu Schulen des Glaubens. Alles das, was Sie an tiefer Verbundenheit mit Ihren Verstorbenen spüren, wenn Sie in den kommenden Wochen an ihre Gräber gehen, macht mitten im Leben das größte Geheimnis des Glaubens spürbar, das Geheimnis, das uns Jesus selbst in seinem Tod und seiner Auferstehung erschlossen hat: Im Tod ist das Leben.
 
 
 
Ihr Pastor Michael Jakob