Geistliches Wort

Ich habe eine Grenze überschritten – neulich bin ich mit dem Auto über die ehemalige deutsch-deutsche Grenze an der Elbe gefahren. Sie existiert nicht mehr, doch weist ein überdimensionales Schild daraufhin. „Hier war Deutschland zwischen 1961 und 1989 getrennt“. Die Bundesrepublik und die damalige DDR starrten vor Waffen. Das ganze Land  hätte  für immer vernichtet werden können.  Doch es kam anders: Gott sei Dank!
Es gibt Grenzen, die sind überflüssig – wie besagte Grenze. Es gibt Grenzen, die zerstören und heilen nicht. Sie trennen, schneiden ab. Nicht nur im politischen Raum, sondern auch im kulturellen, wirtschaftlichen und ganz persönlichem Bereich. Menschen leiden darunter. So auch damals  im zweigeteilten Deutschland.  Die wiederhergestellte Einheit zwischen den beiden ehemaligen deutschen Staaten währt nun schon länger als die Mauer existierte.
Und dennoch brauchen wir Grenzen in unserem Leben: die uns warnen und schützen, die uns Orientierung geben und dem Leben dienen. Eine grundlegende Erfahrung ist die natürliche Lebensgrenze. Wir sind nur eine zeitlang auf Erden. Wir sind endlich. Es gibt uns nur ein paar Jahrzehnte lang.
Und doch brauchen wir diese Grenze, weil wir eine Grenzenlosigkeit des Lebens nicht ertragen würden. Es gäbe nichts Besonderes mehr, weil wir es nicht zu schätzen wüssten. Denn wir hätten ja Zeit, unendlich viel Zeit. Aber gerade weil unsere Zeit begrenzt ist, wissen wir die schönen Momente zu genießen. Die Augenblicke des Gelingens, der Freundschaft und der Liebe haben ihren Zauber erst durch eben die Begrenzung menschlichen Lebens. Alles kann morgen schon vorbei sein oder erst in ein paar Jahrzehnten.
Der Augenblick der Erfüllung ist so wertvoll, weil wir darauf ausgerichtet sind in dem begrenzten Zeitraum unseres Lebens die einzelnen Augenblicke und Phasen in der Tiefe unserer Seele wie einen Schatz aufzubewahren. In der Grenzenlosigkeit wird alles beliebig und  wertlos.
Als Christen haben wir noch ein anderes Schatzkästlein, das wir immer wieder öffnen können. Wir haben einen Glauben in der Beziehung zum grenzenlosen Gott, der uns unsere eigene Begrenztheit aushalten lässt.
 
Eine gute Zeit wünscht Ihnen
 
 
Dr. Harald Müller-Baußmann, diac.