Geistliches Wort

Liebe Schwestern und Brüder!
Manchmal argumentieren Zeitgenossen so: Die Menschen, die Jesus damals begegnet sind und ihn leibhaftig erleben durften, hatten es doch viel einfacher zu glauben. Er war doch da, und sie konnten sich von seiner Persönlichkeit und Lehre selbst überzeugen und ein Bild machen. 
War es tatsächlich einfacher vor 2000 Jahren? Ich denke nicht. Zwar war Jesus in der Tat in persona anwesend. Aber die Zahl derjenigen, die ihn und seine Botschaft ablehnten, war groß. Nur eine kleine Schar von Getreuen hielt zu ihm und selbst in den eigenen Reihen gab es genügend Zweifler. Und solche, die ihm den Rücken kehrten, die ihn verrieten, die ihn verleugneten, als es ernst wurde, als es darauf ankam Farbe zu bekennen.
Seit Jesus durch die liebliche Landschaft Galiläas wanderte, seit er die unwirkliche judäische Wüste erlebte und durchlebte, hat sich im Grunde nicht viel geändert. Es gibt Anhänger und richtige Freunde seiner Lehre und Person, es gibt die Zweifler, die Ignoranten, die Gleichgültigen.
Beweise für seine Gottessohnschaft vorzulegen, ist heute so wenig möglich und erfolgreich wie damals. Es sei denn man glaubt an ihn – bedingungslos – und hat die erforderliche demütige Haltung, die zum Glaubensleben einfach notwendig ist.
Glaube und Demut sind denn auch die Schlüsselbegriffe des Tages-Evangeliums, wenn es um den Offenbarungscharakter der göttlichen guten Nachricht geht. 
Und damit fangen die Schwierigkeiten auch schon an, den Menschen des 21. Jahrhunderts   Gott zu verkündigen.
 
Glaube: Wo heute alles messbar, erklärbar, überprüfbar, beweisbar sein muss, haben Glaubenswahrheiten keinen leichten Stand. Da verbinden nicht wenige den Glauben mit kindlicher Naivität, was rational und logisch denkende Menschen nicht für sich beanspruchen. Und ein gewisses Schamgefühl macht sich dann auch oft breit. Wer das Verb „glauben“ durch „vertrauen“ ersetzt, befindet sich aber auf der richtigen Fährte. Wenn ich Vertrauen einübe, begebe ich mich auf eine Reise zu meinem Herzen, dann bewege ich mich in die Sphäre eines Geheimnisses hinein, das ich mit dem Verstand alleine nicht mehr fassen kann. Ich suche den Schnittpunkt , wo Gott in mein Leben einbricht.
Ich kehre dann in ein inneres Zuhause ein, wo ich Anker werfen kann, mich ausruhen, Kraft schöpfen darf. Es ist die Heilssphäre, die Gott für den wirklich Suchenden offen hält.
Aus eigener Kraft können wir Gott nicht ergründen. 
Demut: Ein veraltetes Wort, absolut unzeitgemäß? Keineswegs. Das Gegenteil vielmehr trifft zu. Wer als sogenannter Macher durch die Welt geht, sieht sich, sein Können und Gestalten als das Maßgebende an. Wer auf die eigene Kraft setzt, schließt weitgehend aus, dass es Dinge gibt, die er vielleicht nicht bewerkstelligen kann. Aber ich kann mir für kein Geld der Welt ein Leben erkaufen, keine Gesundheit machen, kein Leid und keinen Tod einfach so abschaffen. Das habe ich nicht in der Hand.
Die demütige Haltung sieht anders aus. Ich akzeptiere, dass ich nur bedingt handlungsfähig bin in dieser Welt. Ich bin kein Schöpfer, sondern Geschöpf. Meinem Leben  sind Grenzen gesetzt – natürliche und zeitliche. Ich muss auch nicht alles machen können, sondern nehme an, dass mein Leben in erster Linie in Gottes Hand liegt – trotz aller Gestaltungsspielräume, die ich natürlich habe. 
 
Und: Mein Leben ist ein Geschenk. Und wenn mein Leben geschenkt ist, dann auch das der anderen Menschen. 
Die Propheten und Könige Israels und die Macher von damals konnte Jesus für seine Botschaft nicht gewinnen. Er wandte sich bewusst an Arme, Ungebildete, Ausgestoßene, die sogenannten Randgruppen. Die waren sich auch damals schon ihrer Grenzen sehr bewusst. Und waren damit empfänglich für die Botschaft Jesu.
Jesu Jünger waren die Zeugen der in Jesus anbrechenden Gottesherrschaft.
Wir sind Zeugen des Glaubens. Wir dürfen vertrauen auf die Urbeziehung zwischen Jesus und Gott, zwischen Vater und Sohn, die das Band des Heiligen Geistes verbindet.
Kinder Gottes dürfen wir uns nennen. Wir müssen uns nur auf den Weg machen, uns aufbrechen lassen von Gottes Liebe, um dann selbst aufzubrechen und mitzuarbeiten am Reich Gottes.
 
Herzlichst Ihr
 
 
Dr. H. Müller-Baußmann, Diakon