Geistliches Wort

Liebe Pfarrangehörige, 
 
der als „Erfinder der Temperamente“ bekannte Arzt Galenus geht von der „Lebensgrundstimmung“ (etwa: melancholisch, fröhlich, aufbrausend, gleichgültig...) aus, wenn er den Charakter des Menschen beschreibt. Das erzwungene „in uns Gehen“ während des vergangenen Jahres, das wir mög-licherweise auch in und trotz vieler äußerer Belastungen erfahren haben (gesundheitliche Einschränkungen, Kurzarbeit, das Geschäft geschlossen, Einsamkeit…) hat vielleicht etwas ganz Wichtiges in uns bewirkt: Wir durften uns neu und ganz anders mit uns selbst auseinandersetzen. Vielleicht habe ich da und dort auch erfahren, was meine „Lebensgrundstimmung“ ist. Und wie immer meine persönliche Analyse ausgefallen sein mag, durfte ich vielleicht auch spüren, dass meine „Lebensgrundstimmung“, sei sie depressiv, kraftvoll, gleichgültig oder optimistisch, kein unabänderliches Schicksal bedeutet, keine Prägung, die nicht auch wandelbar wäre. 
 
Vom griechischen Mathematiker Archimedes ist der Satz überliefert „…gib mir einen festen Punkt außerhalb der Erde, und ich hebe dir die Welt aus den Angeln…“ So, denke ich, verhält es sich auch mit unseren „Grundstimmungen“ und inneren Einstellungen: Ein „fester Punkt“ außerhalb kann die sicherste Gewissheit quasi aus den Angeln heben. 
 
Vielleicht ahnen Sie schon, worauf dieser Gedanke hinaus will: OSTERN ist für uns Christen dieser „Fixpunkt außerhalb von uns“. Der Glaube daran, dass Einer den Tod besiegt hat, dass da draußen „mehr“ ist, dass es da „noch etwas gibt“. 
All das lässt uns dankbar sein, dass wir Christen jetzt mit unserem Osterfest in diese Situation einen Meilenstein der Hoffnung setzen können. Wir begehen die Tage der Passion Jesu, in denen uns deutlich wird, wie sehr er uns und unser Leid versteht und auch am eigenen Leib erfahren hat, was Angst bedeutet. Wir lassen Gottes Leiden an und mit unserer Welt an uns ran. Wir lassen uns sagen, dass es keine Tiefe geben wird, in der er nicht da sein wird, um uns aufzufangen. Und wir lassen uns die frohe Botschaft verkünden, dass jede persönliche Tiefe, die wir erfahren (müssen), niemals das Ende ist, sondern immer ein Durchgang zu etwas Neuem, zum Leben.
 
So wünschen wir Ihnen und Ihren Lieben, den Familien und Alleinstehenden, den Senioren und Jugendlichen, den Kranken und den Menschen mit besonderen Bedürfnissen, den Geduldigen und den Aufbrausenden, den Traurigen und den Fröhlichen diese Hoffnung aus dem Osterfest! 
 
Zugleich verbinden wir ein herzliches Vergelt‘s Gott allen Gottesdienstbesuchern in dieser schweren Zeit für Ihre Geduld und Disziplin. Schön, dass Sie da sind. Ebenso sei allen gedankt, die die Durchführung der Gottesdienste ermöglichen und uns durch Ihre Ideen zur Gestaltung im Rahmen der Hygienevorschriften besinnliche und doch auch abwechslungsreiche Stunden bereiten. Wir wünschen Ihnen und allen Menschen eine ruhige, besinnliche Karwoche und FROHE OSTERN - bleiben oder werden Sie gesund! 
 
 
 
 
Michael Jakob, Pastor                                              Gerlinde Paulus-Linn, Gem.-ref. 
 
 
                               Dr. Harald Müller-Baußmann, Diakon