Geistliches Wort

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den andern,
Jeder ist allein.
Voll von Freunden war mir die Welt,
Als noch mein Leben licht war;
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar.
Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkel kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allen ihn trennt.
Seltsam, Im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.
 
 
Liebe Schwestern und Brüder,
das Gedicht, das Sie gerade gelesen haben, stammt von dem deutschen Schriftsteller Hermann Hesse  von November 1905 und trägt den vieldeutigen Titel „Im Nebel“. Es wirkt zunächst nicht trostreich, ist trübe und undurchsichtig wie der Nebel selbst, den das Gedicht beschreibt. Passt aber zu dem Trauermonat November, und vielleicht spricht es manchem Zeitgenossen aus der Seele.
Hesses Lyrikwerk ist zeitlos und kann immer wieder neu gelesen werden. Man kann die Gedanken schweifen lassen und die Metapher, die sich mit dem Nebel verbinden, auf sich wirken lassen. Die Wörter „allein“, „einsam“, „das Dunkle“ „unentrinnbar“ und „trennen“ verbinden wir mit unangenehmen Gefühlen. Man könnte glauben, das Gedicht will den Leser desillusionieren und ihm verdeutlichen, dass wir unserem Leben gnadenlos und hoffnungslos ausgeliefert sind. Dass wir  Marionetten sind.
Aber das sind wir nicht. Schlechte Stimmung, Traurigkeit und Schmerz, Melancholie und  Depressionen kennt fast jeder Mensch. Doch es gibt auch Lichtblicke wie die zweite Strophe.  Erinnern wir uns der lichten Momente im Leben, denken wir an unsere Freunde, die unser Dasein immer wieder bereichern und somit Licht in den Alltag bringen.  Ohne unsere Familien, Partner und Freunde wären wir nicht die, die wir durch die gemeinsame Geschichte mit ihnen geworden sind. Dass es dennoch Phasen des Alleinseins und der Einsamkeit gibt, sollte das nicht schmälern. Wichtig ist, auf wen wir uns verlassen können, auch in Zeiten des Kummers und der Sorgen. Das Leben ist ambivalent und enthält beides: die schönen Momente im Leben und die schweren, die uns belasten und zu Boden drücken können.
Wir Christen haben einen großen Bonus im Leben: JESUS CHRISTUS.  Unser Leben  ist abgesichert durch Gott. Das ist ein Versprechen. Das heißt, wir vertrauen auf Gottes Zusage, dass er uns ins Leben gerufen hat, unser Leben begleitet und zwar zu allen Zeiten und dass wir, wenn der Tod anklopft, nicht ins Bodenlose fallen, sondern von ihm in seine Ewigkeit geführt werden.
Das schreibt Hesse zwar in seinem Gedicht nicht explizit, aber man darf es in den Text hineinlesen.
Ich wünsche Ihnen, dass Sie gesund durch die Corona-Pandemie hindurch kommen!
 
Passen Sie auf sich und Ihre Lieben gut auf!
 
Herzlichst
Ihr
 
 
Dr. Harald Müller-Baußmann, Diakon