Geistliches Wort

Es ist Herbst. Erntezeit. Nicht nur für die Bauern, die für die Versorgung der Bevölkerung mit landwirtschaftlichen  Produkten auf ihren Feldern arbeiten. Erntezeit ist auch für all die Menschen, die im Herbst ihres Lebens stehen. Die Rückschau halten, was das Leben gebracht hat. Es ist die Zeit des Ruhestandes, in die viel hineingepackt werden soll, was im Leben so liegen blieb, wozu man  nicht gekommen ist, was man eigentlich schon immer mal hat tun wollen.
Wer im Herbst des Lebens steht, sieht die abgelaufene Lebenszeit aus einem besonderen Blickwinkel. Was ist gelungen, was daneben gegangen? Was hätte man anders machen sollen? Worüber ist man stolz, was tut einem leid. Diese Rückschau kann gnadenlos ehrlich sein, sie kann aber nachträglich beschönigt werden. Es gibt natürlich auch Menschen, die verweigern den Blick zurück.
Manche haben noch Pläne, andere sind schon schwer erkrankt. Illusionen gehören nicht unbedingt zum Repertoire, wenn man Resümé zieht.
Doch wie ist die Zeit noch zu nutzen? Bleibt man im gewohnten Alltagstrott oder wagt man einen Ausbruch; doch etwas Neues noch beginnen. Bringt man den Mut auf, andere Wege zu gehen?
Und dann die Frage: Wie sieht mein Glaubensleben aus? Welches Gottesbild habe ich, nachdem zwei Drittel und mehr der Lebenszeit hinter mir liegen? Lebens- und Glaubenszeit sind nicht voneinander zu trennen, sie bilden eine Einheit, und der Glauben, aber auch der Nicht-Glauben, haben das eigene Leben stark geprägt.
Im Johannes-Evangelium stehen die nachdenkenswerten Sätze Jesu:
„Amen, amen, das sage ich dir: Als du noch jung warst, hast du dich selbst gegürtet und konntest gehen, wohin du wolltest. Wenn du alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst.“ (Joh 21,18)
Je älter wir werden, desto näher rücken wir an unsere eigene Endlichkeit. Das muss nicht beunruhigen. Ganz im Gegenteil. Jesus sagt ein trostvolles Wort. Nämlich: ein anderer wird dich führen und zwar dorthin, wohin wir nicht wollen – es ist das Grab.
Als jugendlicher Mensch hatte ich ein panische Angst vor der Vorstellung, irgendwann nicht mehr da zu sein. Ich konnte mir ein Nicht-Da-sein einfach nicht vorstellen. Irgendwie auch verständlich, wenn man all seine Pläne, Illusionen, Hoffnungen noch vor sich hat.
Doch wandelt sich die Lebenshaltung. Es ist auch tröstlich, irgendwann geführt zu werden. Das Ausstrecken und Gegürtet-werden weisen auf das Ende hin.
Wer eine Bilanz seines Lebens zieht, tut dies nicht nur mit dem Blick auf das Vergangene, sondern auch mit einer „Vorschau“ auf die Zukunft. Glaubende haben es da einfacher. Das Leben steht in Gottes Hand, weil es von Gott kommt und wieder dorthin zurückführt. Das bedeutet aber auch: Es muss im Leben gar nicht alles gelingen. Mein Wert als Mensch hängt nicht von meinen Leistungen ab, sondern von der Glaubensgewissheit, dass nichts verloren gehen wird. Gott birgt das Leben und hebt es mit uns hinüber in die Ewigkeit.
Anders ein Nichtglaubender: Für den ist mit dem Tod alles zu Ende. Schluss und Aus. In der Tat eine schreckliche Vorstellung. Wozu hat man dann überhaupt gelebt, wenn gar nichts mehr bleibt? Wenn alle Kraft nur in das Gelingen des Lebens gesteckt wird, wo doch jeder weiß, das einem im Leben nicht alles gelingt. Niemandem, wir sind ja bloß Menschen.
In wenigen Wochen, wenn der Trauermonat November beginnt, gibt es für uns viele Gedenktage, um unser Leben und das unserer Toten zu gedenken und zu be-denken.
 
Eines ist indes sicher: Das Leben ist anstrengend, für manche sogar sehr anstrengend. Aber – der Tod ist es nicht. Der Tod ist nicht anstrengend. Davon jedenfalls bin ich überzeugt.
 
Ich wünsche Ihnen, dass Sie von Gott weiterhin behütet und geführt werden.
 
Ihr
 
 
Dr. Harald Müller-Baußmann, Diakon