Geistliches Wort

Verkehrsschild Geistliches Wort Fotolia 34176073 XS

Geistliches Wort
Der Oktober ist der Rosenkranzmonat. Neben dem Mai ist der Oktober der zweite Monat, der im kirchlichen Leben der Katholiken eine besondere Rolle spielt, denn er ist der Gottesmutter Maria geweiht. Ich will für diese alte Tradition des Rosenkranzbetens eine Lanze brechen.
Zugegeben, als junger Mensch fand ich den Rosenkranz zu beten einfach nur langweilig und monoton; immer die gleichen Gebete aufsagen, die von den Gläubigen gemurmelt wurden. Nichts was man als Jugendlicher wirklich nachvollziehen kann.
Doch im Laufe der Jahrzehnte habe ich meine Ansicht grundlegend geändert. Ich weiß diese Art des gesammelten Betens sehr zu schätzen.
Doch was hat es mit diesem Gebet wirklich auf sich? Der Rosenkranz ist ein Ma-riengebet, zugleich aber auch ein sehr intensives Jesusgebet. Wer den Rosen-kranz betet, begibt sich direkt in die Sphäre der Geheimnisse des Lebens Jesu. Der Rosenkranz ist ein betrachtendes Gebet, d.h. mit jedem Gesätz betrachtet man mit dem inneren Auge bestimmte Geschehnisse im Leben unseres Herrn.
Beim schmerzhaften Rosenkranz, der besonders freitags gebetet werden soll, zieht in unserem Innern die Leidensgeschichte Jesu vorbei: „der für uns Blut geschwitzt hat“; „der für uns gegeißelt worden ist“; „der für uns mit Dornen gekrönt worden ist“; „der für uns das schwere Kreuz getragen hat“; „der für uns gekreuzigt worden ist“. Oder der lichtreiche Rosenkranz, den Papst Johannes Paul II. empfohlen hat: „der von Johannes getauft worden ist“; „der sich bei der Hochzeit in Kana offenbart hat“; „der uns das Reich Gottes verkündet hat“; „der auf dem Berg verklärt worden ist; „der uns die Eucharistie geschenkt hat“.
Welcher Rosenkranz auch immer gebetet wird, wir tauchen ein in Begebenheiten und Erfahrungen Jesu und können damit auch ins Meditieren kommen. Gerade das Murmeln der Gebete, die Wiederholungen von jeweils zehn Mal eines bestimmten Geheimnisses, will uns zur Ruhe kommen lassen. Der Rosenkranz ist somit auch ein Ruhegebet, womit wir die Hektik und den Stress unseres Alltags mal herunterfahren können und ganz auf unser Inneres hören und schauen.
Wer den Rosenkranz beten möchte und dies sogar zu einer regelmäßigen Ge-wohnheit werden lassen will, der kann dies eigentlich überall tun: im Wartezim-mer des Arztes, bei einer längeren Bahn- oder Autofahrt, beim Spaziergang durch den Wald oder zuhause in einem stillen Zimmer. Man kann alleine beten oder in Gemeinschaft mit anderen Christen, z. B. bei Rosenkranzandachten.

Wichtig ist die innere Einstellung für das Rosenkranzgebet. Ich kenne Menschen, die haben ihren Rosenkranz immer in der Hosentasche. Meine Großmutter hatte die Angewohnheit, die Länge der Backzeit eines Kuchens mit der Anzahl von Rosenkranzgesätzen zu zählen. Auch sonst hatte sie den Rosenkranz oft in der Hand, wenn sie ruhig im Wohnzimmer saß und scheinbar eingeschlafen war.
Auf meine Frage, warum sie den Rosenkranz so oft in den Händen halte, antworte sie: „Es ist gut, wenn man sich im Leben an etwas festhalten kann.“ Im Krieg, als die Bomben fielen, hatte sie auch den Rosenkranz in der Hand. Sie fühlte sich damit sicherer und klammerte sich gleichzeitig an Gott.
Dass man sich im Leben an etwas festhalten kann, wenn es mal eng wird, wenn man Angst hat: um die Kinder, um den Arbeitsplatz, wegen Krankheit und Ein-samkeit im Alter.
Jeder wird seine eigenen Ängste kennen und hat vielleicht Methoden ihr zu begegnen. Der Rosenkranz kann eine wahre Hilfe sein. Er löst zwar die Probleme nicht. Aber man kann sich im wahrsten Sinne des Wortes an ihm festhalten. Und damit auch an Gott.
In der Altenheimanlage in Trier, in der ich zehn Jahre als Seelsorger gearbeitet habe, bin ich vielen Menschen begegnet, die teilweise schon jahrelang ans Bett gefesselt waren. Viele Frauen hatten ihren Rosenkranz immer in der Hand. „Wenn ich den nicht mehr hätte“, sagte eine betagte Bewohnerin, „wüsste ich nicht, woran ich noch glauben soll.“
Herzlich eingeladen sind Sie, liebe Christen, zu den Rosenkranzandachten in unseren Kirchen.
Möge Ihnen das Gebet helfen, besser durch den Alltag und Gott ein Stück näher zu kommen!

Ihr
Dr. Harald Müller-Baußmann, diac.